Weihnachten in Sibirien

Wir schreiben das Jahr 1946. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg mußten mehr als 3 Millionen Männer in russische Kriegsgefangenschaft. Meist in Sibirien waren sie in Lagern untergebracht und mußten bei eisiger Kälte und nicht ausreichend bekleidet schwere Arbeiten verrichten. Und dann nahte das Weihnachtsfest. Ein bayerischer Lagerinsasse berichtet:

„Weihnachten war immer sehr traurig für uns. Wir hatten den großen Traum von Weihnachten daheim bei der Familie. Besonders an den Festtagen wurde es uns schmerzlich bewusst, dass wir keine Ahnung hatten, wie lange unser Aufenthalt in Russland noch dauern würde. Es waren Tage voller Trauer und Verzweiflung, denn wir wollten endlich heim. Sehnsüchtig habe ich von meiner Familie geträumt. In der Nacht war so mancher Schluchzer zu hören. An Weihnachten versuchten wir Kriegsgefangenen wenigstens eine festliche Stimmung aufkommen zu lassen und das Beste aus unserer Situation zu machen.“

In einem Lager war die Leitung besonders gemein. Feststimmung sollte bei den Kriegsgefangenen nicht aufkommen. Der Heiligabend war nicht nur ein normaler Arbeitstag, vielmehr lies man die Männer über das normaler Pensum hinaus arbeiten.

Am Abend verschwanden alle todmüde in ihren Baracken. Erschöpft und auch ein wenig traurig.

Spät in der Nacht lies der Lagerkommandant alle Männer wecken. Aufstellung auf dem riesigen Lagerplatz und Ansprache über die Lautsprecher.

Es ertönte eine Botschaft, die die Kriegsgefangenen ins Mark treffen sollte:

„Heute wird in eurer Heimat von den Reaktionären ein Fest namens „Weihnachten“ gefeiert. Bei diesem Fest werden viele Märchen erzählt, die den Arbeiter und Bauern gefügig als Unmündige halten sollen.

Wir im Kommunismus feiern keine Feste. Im Arbeiter- und Bauernstaat wird gearbeitet.

Zum Ruhm der Sowjetunion singen wir nun die Internationale – das Kampflied der weltweiten Arbeiterbewegung.

Die Internationale wurde über die Lautsprecheranlage angestimmt. Doch unter den Lagerinsassen wollten und konnten die meisten nicht mitsingen. Ihnen war nicht zum Singen zumute. Leise fing plötzlich ein Mann an „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu singen. Dann waren es zwei, dann drei, schließlich sangen über tausend Männer zitternd vor Kälte und mit weinenden Augen ihr Weihnachtslied.

Die letzte Strophe sangen sie besonders laut und fast trotzig: „ Tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter ist da, Christ, der Retter ist da!“

Weit hinein in die sibirische Schneelandschaft schien die Botschaft von Weihnachten nachzuklingen. Dann plötzlich eisiges Schweigen. Furcht. Was würde geschehen?!

Der Lagerkommandant war irritiert. Fragenden Blickes wandte er sich an den Dolmetscher. Der trat zu ihm heran und sagte auf Russisch: „Das war die Internationale nach deutschem Text und deutscher Melodie!“.

verwandte Links:

Das Weihnachtswunder im ersten Weltkrieg (Schwarzer Peter)

Weihnachten in Stalingrad (spon)

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Ein Gedanke zu “Weihnachten in Sibirien

  1. … mein Vater war auch in Russland. Wohl nicht in Sibirien …

    Puh. Ja, er hat auch – was Arbeiten betrifft – derartige Geschichten erzählt. Ob an christlichen Festtagen bei ihm auch so ähnliches passiert ist, war von ihm nicht zu hören …

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