Wächter – meine Sonntagspredigt

Der 24-jährige Matrose Frederick Fleet saß am  14. April 1912 im Ausguck (Krähennest) des Passagierschiffs Titanic und entdeckte gegen 23:40 Uhr den Eisberg, der das Schiff zum Sinken brachte. Vielleicht wäre das Unglück zu verhindern gewesen, wenn er ein Fernglas gehabt hätte, wenn zusätzliche Wächter an Deck eingesetzt gewesen wären usw. Aber ich will mich nicht an irgendwelchen Spekulationen beteiligen. Aber eines will ich feststellen: Gut ausgerüstete Wächter können leben retten.
Liebe Schwestern und Brüder.
Auch eine Gesellschaft braucht Wächter und braucht Menschen, die diese Wächter akzeptieren. Ich will kurz einige Beispiele für Menschen nennen, die solch eine Wächterfunktion innehaben. Das ist der Bundespräsident, der allerdings meist auch aus einer der herrschenden Parteien stammt. Und dennoch hat er so eine Wächterfunktion inne, muss er sagen, wenn er sieht, dass die Gesellschaft mit Volldampf gegen einen Eisberg fährt. Ebenso gilt das für den Bischof, den Abt, den Pfarrer, den Kaplan oder den Pfarrgemeinderat. Von all diesen Personen fordert Gott Rechenschaft, so haben wir heute aus dem Propheten Ezechiel gehört.
Eine Wächtereigenschaft haben auch die Medien (ORF, Kleine Zeitung). Ich persönlich bin ein großer Freund der Medienfreiheit und sehe sie gerne – neben der gesetzgebenden, der ausführenden und der juridischen Gewalt – als vierte Gewalt im Staat. Aber ist sie das noch?! Leben wir nicht in einer Mediendiktatur, die dem Bundeskanzler, dem Bischof usw. vorschreibt, was er sagen darf und was nicht? Sie haben Macht, Weihbischöfe zu verhindern, sorgen ordentlich für Stimmung für oder gegen die Kirche, Parteien etc.
Medien sehen sich als selbsternannte Wächter. Doch man muss fragen, wer wacht über die Wächter? („Quis custodiet ipsos custodes“ Juvenal)
Der heutige Mensch denkt, dass er keine Autoritäten braucht. Fühlt sich von „denen da oben“ nicht verstanden und gibt dann oft alles, was Autorität beanspruchen könnte der Lächerlichkeit Preis. Auf der anderen Seite lässt er sich aber doch beeinflusse von Freunden, Stimmungen usw.
Die Psycholgie und Pädagogik spricht von einer vaterlosen Gesellschaft. Das spricht auf der einen Seite darauf an, dass immer weniger Väter an der Erziehung (sei es in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule) beteiligt sind. Aber damit ist auch letztlich gemeint, dass Männer – und Frauen auch (Loriot 😉 )- nicht mehr Verantwortung wahrnehmen und nichts sagen, wo sie ihr Maul aufmachen müssten. So ist das Berufungserlebnis des Ezechiel, das wir heute gehört haben, ein Beispiel dafür, wie sich einer seiner Verantwortung bewusst ist. Wir haben Verantwortung gegenüber unserem Nächsten und müssen diese wahrnehmen. „Und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Irrweg abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut (=Leben)“ (Ez 33)
Wenn die Medien und wenn wir selber in unserm Kloster, in unsren Familien so sorgsam miteinander umgehen würden wie es uns Jesus beschreibt, wir hätten eine Gesellschaft, in der es sich zu leben lohnt, in der Leben wirklich möglich ist. Jesus beschreibt hier einen Dreischritt: Unter vier Augen, unter Zeugen und schließlich vor der Gemeinde. Dabei wird Rücksicht genommen auf den Sünder, aber auch auf die Gemeinde. Der Sünder wird nicht gleich bloßgestellt, sondern erst unter vier Augen und dann mit 2-3 anderen zur Verantwortung gezogen. „Kleiner Dienstweg“ nennt man das vielleicht manchmal. Erst im letzten Schritt wird die ganze Gemeinde informiert. Und JETZT kennt Jesus, wenn der Sünder seine Sache immer noch nicht einsieht, auch einen Ausschluss. In der Kirche spricht man da von Exkommunikation. Wenn´s einfach nicht mehr geht, muss man das kranke Glied abtrennen, das ist beim Arzt so und das muss auch in der Kirche und in der Familie so sein, wenn wir uns selbst nicht zu Grunde richten wollen. Deshalb, wenn bestimmte Priester und Laien sich nicht an die Gebote der Kirche halten, wenn sie unter vier Augen, unter Zeugen und dann schließlich öffentlich nicht umkehren, müssen sie gehen… Gott ist barmherzig, aber die Grenze ist da erreicht, wenn sich die Kirche durch interne Streitereien selbst der Lächerlichkeit preisgibt und ihr Gesicht verlieren würde.
Ihr als Pfarre habt einen Pfarrer, einen Kaplan, wenngleich ihr sie euch mit zwei anderen Pfarren teilen müsst, ist das eine tolle Sache – hoffe mal das ihr das auch so seht. Das heutige Evangelium ist auch eine Einladung an Euch, dass Ihr Euch Eurer Verantwortung bewusst seid, Steitigkeiten unter Euch selber löst, bevor ihr sie an die große Glocke hängt, Euch als Gemeinde Jesu Christi zu fühlen und Euch bewusst zu sein, dass das etwas mit gegenseitiger Verantwortung zu tun hat. Ich als Kaplan möchte dazu das beste beitragen und diesen Weg der Christusnachfolge gemeinsam mit Euch gehen.  Amen.
verwandter Artikel: Wer bewacht die Wächter der Wächter? (Presse vom 02.09.2011)

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